Klimaschutz konkret: Welchen Strom beschaffen die Stadtwerke Bochum wirklich?

Colin Fischer erklärt das große Missverständnis mit dem Strommix

Colin Fischer, DIE LINKE

Die Stadtwerke Bochum weisen in ihrem Strommix einen Anteil von 74,4 Prozent an erneuerbaren Energien aus. Das wirkt so, als könne sich die Rathaus-Koalition aus SPD und Grünen bequem zurücklehnen – denn in ihrem Koalitionsvertrag haben sie lediglich versprochen, bis zum Jahr 2022 den Anteil auf 75 Prozent zu erhöhen. Eine umfassende Anfrage der Bochumer Linksfraktion hat jedoch ergeben: Der von den Stadtwerken tatsächlich beschaffte Strom besteht zu fast hundert Prozent aus fossilen Energien, mit einem Kohleanteil von 58,9 Prozent und einem Atomstrom-Anteil von 17,6 Prozent.

Wie passt das zusammen? Wie funktioniert der große Trick, der Kohle- und Atomstrom grün werden lässt? Colin Fischer, Vertreter der LINKEN im Ausschuss für Umwelt, Nachhaltigkeit und Ordnung, erklärt das Schritt für Schritt – und sagt, welche Konsequenzen die Bochumer Politik daraus ziehen muss.

So werden die Stadtwerke Bochum grün gerechnet

Hintergrund: Der größte Anteil an erneuerbarem Strom, der in Deutschland produziert wird, wird durch die sogenannte EEG-Umlage gefördert. Das heißt, dass fast alle Kund*innen mit ihrer Stromrechnung einen mittlerweile sehr großen Anteil zahlen, der direkt an die Erzeuger dieses erneuerbaren Stroms geht. Das Verhältnis von gefördertem EEG-Strom zu dem Strom, der EEG-umlagepflichtig ist (der also den EEG-Strom mitbezahlt), betrug im Jahr 2019 60,3 Prozent. Dieses Verhältnis müssen alle Stromversorger in ihrem Strommix als Anteil „Erneuerbare Energien gefördert aus der EEG-Umlage“ ausweisen. Damit, welchen Strom ein Anbieter ankauft, hat dieser Anteil jedoch nichts zu tun. Die eigentliche Strombeschaffung spiegelt sich nur in dem restlichen Anteil wider. Das heißt: Je größer der ausgewiesene Anteil des EEG-Stroms ist, desto weniger kann man die tatsächliche Strombeschaffung der Stromversorger nachvollziehen.

DIE LINKE im Bochumer Rat hat daher angefragt, wie die eigentliche Strombeschaffung der Stadtwerke Bochum aussieht. Das Ergebnis liegt inzwischen vor und ist für die Bochumer Stadtwerke wenig schmeichelhaft: Die tatsächliche Strombeschaffung besteht fast ausschließlich aus fossilen Energien – mit einem Kohleanteil von 58,9 Prozent und einem Anteil an Atomstrom von 17,6 Prozent:

Die Stadtwerke Bochum beschaffen also keinen direkten Ökostrom. Stattdessen beschaffen und entwerten sie sogenannte Herkunftsnachweise (HKN). Das sind Tickets, die man Erzeugern erneuerbarer Energie abkaufen kann. Wenn ein Unternehmen diese Tickets dann entwertet, darf es eine entsprechende Menge der eigenen Strombeschaffung grün „umfärben“. Erzeuger*innen erneuerbarer Energien erhalten so zusätzliche Einnahmen durch den Verkauf dieser Herkunftsnachweise. Der Nachteil ist, dass Verbraucher*innen hier in Deutschland denken könnten, dass dieser Strom tatsächlich aus lokalen Solar- oder Windanlagen stammt. Und noch schlimmer: Gleichzeitig macht der Kauf von Herkunftsnachweisen gesamteuropäisch keinen direkten Unterschied, da Strom beispielsweise aus norwegischer Wasserkraft, dessen Herkunftsnachweise in Deutschland entwertet werden, bilanziell in Norwegen dann als Kohlestrom ausgewiesen werden muss. Man verschiebt die Ausweisung des Kohlestrom-Anteils also nur dahin, wo die hiesigen Verbraucher*innen es nicht mehr wahrnehmen.

Auf unsere konkrete Nachfrage im Ausschuss erklärte die Bochumer Verwaltung: Die Stadtwerke haben für ihren Strom Herkunftsnachweise für 37,4 Prozent ihrer an Letztverbraucher*innen gelieferte Strommenge entwertet. Dadurch ändern sich die Anteile der Energieträger auf dem Papier zu diesen Verhältnissen:

Die oben abgebildeten Anteile sind von den Stadtwerken Bochum direkt beeinflussbar. Sie könnten sich entscheiden, direkt Strom von Ökostromerzeugern zu kaufen. Oder sie könnten für größere Mengen ihres Stroms Herkunftsnachweise hinzukaufen, um den Anteil erneuerbarer Energien zumindest bilanziell zu erhöhen.

Allerdings handelt es sich hierbei immer noch nicht um den Strommix, den die Stadtwerke Bochum den Verbraucher*innen präsentieren. Die Gesetzgebung schreibt nämlich vor, dass der zu Anfang beschriebene Anteil „Erneuerbare Energien gefördert aus der EEG-Umlage“ in den Strommix reingerechnet wird, obwohl er überhaupt nichts mit der Strombeschaffung der Stadtwerke zu tun hat. Alle anderen Anteile werden dementsprechend kleingerechnet. (Weil die Stadtwerke Bochum auch Industrie-Kund*innen beliefern, die von der EEG-Umlage befreit sind,  verringert sich der EEG-Anteil der Stadtwerke Bochum von 60,3 Prozent auf 58,8 Prozent.) Der endgültig veröffentlichte Strommix sieht dann so aus:

Fazit: Aus nahezu 100 Prozent Beschaffung von Kohle-, Gas- und Atomstrom (siehe erstes Diagramm) wird in der offiziellen Stromkennzeichnung ein Anteil von insgesamt 74,3 Prozent erneuerbaren Energien (siehe drittes Diagramm). Der größte Anteil ist dabei der EEG-Strom. Dieser Anteil wird weiter steigen, wenn in Deutschland mehr Strom durch die EEG-Umlage gefördert wird. Darauf haben die Stadtwerke Bochum beispielsweise durch Investitionen in Windparks nur einen marginalen Einfluss. Die Entwicklung des Strommixes ist also kein geeignetes Kriterium dafür, wieviel die Stadtwerke Bochum für eine regenerative Stromerzeugung tun.

Verbraucher*innen wird dagegen sogar vorgetäuscht, das städtische Unternehmen würde immer erneuerbarer – und sei besser als der durchschnittliche deutsche Strommix (44,3 Prozent erneuerbar). Der deutsche Strommix wird aber anhand der tatsächlichen Stromerzeugung berechnet und ist daher eher mit der Beschaffung nach der zweiten Abbildung zu vergleichen. Durch die gesetzlich vorgegebene Berechnung ist der EEG-Anteil im Strommix des Stromversorgers darüber hinaus immer größer als der im durchschnittlichen deutschen Strommix. Damit wäre jeder Stromversorger ökologischer als der Durchschnitt, was rein mathematisch nicht sein kann.

Für eine verantwortungsvolle und konsequente kommunale Politik in Richtung einer regenerativen und emissionsarmen Stromversorgung ist es also notwendig, sich nicht am Strommix zu orientieren, sondern an der Strombeschaffung der örtlichen Stromversorgungsunternehmen. Den Anteil erneuerbarer Energien an der Strombeschaffung zu erhöhen macht ganz konkret einen Unterschied, wohingegen eine Änderung des Strommixes wenig über das Verhalten des einzelnen Stromversorgers aussagt.

DIE LINKE im Bochumer Rat fordert daher als ersten Schritt, umgehend den Anteil erneuerbarer Energien an der Strombeschaffung der Stadtwerke Bochum auf mindestens die im Koalitionsvertrag von SPD und Grünen vereinbarten 75 Prozent zu erhöhen! Dies kann kurzfristig nur durch Zukauf weiterer Herkunftsnachweise geschehen. Der Nachweis-Handel bringt den Ökostrom-Produzenten zusätzliche Einnahmen, ändert sonst allerdings wenig – weil sich dadurch der anderswo ausgewiesene Kohle- bzw. Atomstromanteil in gleichem Maße erhöht. Außerdem wird spätestens mit Abschaltung der letzten Kohlekraftwerke ein massives Loch in der Strombeschaffung der Stadtwerke Bochum entstehen, Herkunftsnachweise hin oder her. Daher müssen die Stadtwerke umgehend Konzepte vorlegen, wie die Strombeschaffung ohne zusätzlichen Zukauf von Herkunftsnachweisen im großen Stil auf erneuerbare Energien umgestellt werden kann. Denn nur, wenn die Strombeschaffung in jeder Kommune komplett erneuerbar ist, können wir auch gesamteuropäisch eine komplett regenerative Stromerzeugung erreichen.

Hinweis: Die im Artikel angegebenen Anteile weichen durch Rundungsungenauigkeiten und eigene Berechnungen leicht von den Angaben der Stadtwerke Bochum ab.